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Der Fremde-eine Geschichte

einsame Seele - 2004

Der Fremde

Wieder liege ich wach auf meinem Bett und starre auf mein Fenster, die goldgelbe Farbe der Vorhänge ist in der Dunkelheit nur zu erahnen. Ein Strahl Mondlicht sickert durch eine Lücke in den Vorhängen und kitzelt mich in der Nase.
Meine Gedanken lassen mir einfach keine Ruhe, immer wieder kehren sie zu der Situation von heute morgen zurück. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich ihn vor mir, wie er dort in der Menschenmenge stand, die Schneeflocken umspielten seine Gestalt. Groß und schlank war er. Er trug einen dunkelgrünen Mantel, die schulterlangen silbernen haare umspielten offen sein Haupt. Doch am Auffälligsten waren seine klaren, bernsteinfarbenen Augen, mit denen er aufmerksam die Menge musterte. Seine Gestalt war die eines Mitte Zwanzigjährigen, doch als ich in seine Augen sah, sah ich uraltes Wissen und Weisheit, als hätte er bereits die Erschaffung der Welt miterlebt. Und eh ich mich versah, verharrte dieser Blick auf mir, hielt mich gefangen, so dass ich mich nicht abwenden konnte.
In diesem Moment durchrieselte es mich warm, irgend etwas spürte ich tief in mir erwachen und obwohl er doch so weit von mir entfernt stand, konnte ich seine Worte genau verstehen: „Endlich habe ich euch gefunden.“
Ein kurzer Wimpernschlag und er war verschwunden. Habe ich das alles nur geträumt? Oder habe ich diesen seltsamen Mann wirklich gehört?

Anscheinend bin ich doch eingeschlafen, denn plötzlich lässt mich ein seltsames Gefühl aufschrecken. Habe ich etwas gehört? Ist da jemand?
Langsam gleite ich aus dem bett, lege mir meinen Morgenmantel um die Schultern und schleiche die Treppe hinunter in den großen Wohnraum. Es ist dunkel, nur durch die große Terrassentür dringt das Mondlicht wie flüssiges Silber. Doch das Licht reicht nicht aus, um mehr als bloße Schemen zu sehen.
Da war es wieder, ein kaum wahrnehmbares Wispern und Rauschen. Es scheint aus dem Garten zu kommen.
Langsam nähere ich mich der Terrassentür und öffne sie. Vorsichtig trete ich in das Mondlicht und bleibe überrascht stehen. Da steht er im Schnee, der Fremde von heute morgen. Er steht an einen Pfosten der Terrasse gelehnt, die Augen geschlossen und das Gesicht dem Mond zugewandt. Mein Blick wandert über sein Profil, doch plötzlich stockt mir der Atem. Dort wo ich den Schatten eines Menschen erwartet habe, sehe ich etwas Unglaubliches: den Schatten eines Drachen!
Gerade als ich zurückweichen will, dreht er sich zu mir um und sagt: „ Habt keine Angst, ich habe schon auf euch gewartet.“ Wie hypnotisiert bleibe ich stehen. „ Wer bist du und was willst du von mir?“ Langsam geht er auf mich zu, kniet vor mir nieder und ergreift meine Hand. Dabei blickt er mir die ganze Zeit in die Augen. „ Mein Name ist Silvost, Prinz der Silberdrachen. Ich bin von weit hergekommen, um euch zu suchen, Prinzessin!“
Ich schaue ihn völlig verwirrt an. „ Was meinst du mit Prinzessin? Und was soll der Unsinn mit Drachen? Es gibt keine Drachen!“ „ Ich werde euch alle Fragen beantworten. Ihr habt recht, in eurer Welt gibt es keine Drachen, doch ich komme aus einer anderen Welt, in der es sehr wohl noch Drachen wie mich gibt. Denn ich bin wahrhaftig ein Drache, auch wenn ich momentan eine andere Gestalt habe. Und auch wenn ihr mir nicht glaubt, ihr seid eine Prinzessin meiner Welt. Doch bevor ihr fragt,“ er hebt die hand, um meinen Einwurf zu unterbinden, „ Ich kann euch nichts weiter darüber sagen, es tut mir leid. Die Erklärungen muss ich unseren Ältesten überlassen. Meine Aufgabe ist es, euch zu ihnen zu bringen.“
Ich schaue ihn an, viel zu ungläubig, um seine Worte wirklich zu verstehen. „ Ich weiß meine Worte verwirren euch. Zudem bin ich ein Fremder, warum solltet ihr mir glauben. Aber ich bitte euch, vertraut mir!“
Langsam steht er auf, reicht mir die hand und führt mich weiter hinaus in den großen Garten. Ich gehe mit ihm, unfähig die ganze Sache zu verstehen, unfähig mich zu weigern.
Er entfernt sich ein paar Schritte von mir und bedeutet mir zu warten. „ Habt keine Angst vor dem, was ihr gleich sehen werdet. Ich schwöre euch, es wird euch nichts geschehen.“
Mit diesen Worten tritt er vollends in das Mondlicht und plötzlich steht nicht mehr der Mann mit den silbernen haaren vor mir, sondern ein großer, silberner Drache mit bernsteinfarbenen Augen, die großen Flügel an den Körper gelegt. In diesem Augenblick ist alle Angst wie weggefegt. Wie könnte ich auch Angst vor so einem wundervollen Wesen haben, dass so viel Erhabenheit, aber auch so viel Wärme ausstrahlt. Ich kann nicht anders, eh ich recht darüber nachdenken kann, gehe ich auch schon auf ihn zu, bis ich genau vor ihm stehe.
„ Nun seht ihr mich in meiner wahren Gestalt. Ich hoffe sie erschreckt euch nicht. Bei mir seid ihr absolut sicher, darauf gebe ich euch mein Ehrenwort, als Prinz der Silberdrachen und als euer Freund. Bitte steigt auf meinen Rücken, dann können wir aufbrechen. Ihr werdet sehen, was ich euch zeigen werde, wird euch gefallen.“
Ich kann nicht erklären warum, aber all meine Zweifel fallen in diesem Augenblick von mir ab, so dass ich vorsichtig auf den breiten Rücken dieses magischen Geschöpfes klettere.
Und als wir uns in die klare Nachtluft erheben, dem Mond entgegen, steigt in mir ein warmes Gefühl auf, ein Gefühl, von dem ich immer geträumt habe: dem Gefühl nach Hause zu kommen!



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